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18.10.05 15:35


Kurzgeschichte

Rainer Brambach:Känsterle

In der Kurzgeschichte "Känsterle" von Rainer Brambach geht es um die verlorengegan-gene Kommunikation in einer langjährigen Ehe, die zur Folge hat, dass der Vater, Wallfried Känsterle, ein einfacher Schlosser, kurzzeitig die Beherrschung über sich selbst verliert und in seiner eigenen Wohnung Amok läuft.Die Geschichte ist in 2 Teile gegliedert, wovon der erste am Abend 2 Tage vor Nikolaus stattfindet und der zweite am selbigen.Im ersten Teil ist zu erkennen, dass Wallfried Känsterle in seiner Ehe den schwächeren Part übernimmt, ja, man könnte fast sagen, dass er von seiner Frau in einem gewissen Sinne unterdrückt wird.Dargestellt wird ein, wie es scheint, typisches "Gespräch" zwischen den beiden Ehepart-nern. Känsterle sitzt nach Feierabend vor dem Fernseher und will einfach seine Ruhe ha-ben.Dies scheint allerdings von seiner Frau nicht wahr- oder ernstgenommen zu werden, wäh-rend sie in der Küche Geschirr spült ist sie in einer Tour am plappern, Banalitäten sind dabei mit unterschwelligen Forderungen und Kritik bezüglich ihres Mannes vermischt. Es geht um das kalte Wetter,die nicht gestrichenen Winterfenster, die sie als persönliche Schande empfin-det, an der ihr Mann Schuld ist, den verstorbenen Herrn Weckhammer. Als letzten Punkt er-wähnt sie, wie beiläufig, dass sie von dessen Witwe ein Weihnachtsmannkostüm gekauft hat, und nun von ihrem Mann verlangt, dass dieser sich für seine 2 Kinder verkleiden wird am Nikolausabend. Gefragt wurde er allerdings vorher nicht. Mal wieder schafft Känsterle es nicht, sich gegen seine Frau zur Wehr zu setzen. Es bleibt bei einem äußerst kläglichen Ver-such.Nun folgt der zweite Teil, der dann am Nikolausabend stattfindet. Känsterle verkleidet sich auf dem Dachboden als Weihnachtsmann. Das Kostüm passt nicht und ist ihm viel zu groß. Er fühlt sich äußerst unwohl. Missmutig begibt er sich auf den Weg in die Wohnung, wobei er aufgrund der ebenfalls zu großen Schuhe auf der Treppe stolpert und diese hinunter-stürzt und dabei große Schmerzen empfindet. Groteskerweise glaubt seine Frau Rosa, der Knall der durch den Sturz entstand, sei das Klopfen an der Tür gewesen. Anstatt sich um ih-ren Gatten zu sorgen und ihm aufzuhelfen, kommen als einziges wieder Vorwürfe und die Forderung, er solle sich gefälligst sofort wieder richtig anziehen, da die Kinder kommen. Das ist zuviel für Känsterle, das Fass wird zum Überlaufen gebracht. Er reagiert indem er seine Frau wortlos ohrfeigt und danach in der Wohnung randaliert und einige der Lieblingssachen seiner Frau zerstört - neben dem Winterfenster, das er einschlägt. Rosa versteht die Welt nicht mehr und wird hysterisch. "Er schlachtet die Buben ab!" schreit sie, und trommelt hilflos den Rest des Hauses zusammen. Auch Herr Hansmann, ein andere Mieter des auses,welcher vor-her von Frau Känsterle als Vorbild für ihren Mann bezeichnet wurde, ist da. Seine Reaktion ist wohl die größte Überraschung : mit einem begeisterten Glitzern in den Augen ist sein ein-ziger Kommentar: "Mein lieber Känsterle, ist das alles?" Am Ende kehrt Känsterle zu seinen alten Verhaltensweisen zurück. Er führt nicht zuende, was er begann und die Beziehung setzt ihren alten, missverständlichen Weg weiter fort. Die Kurzgeschichte ist eine typische ihrer Gattung. Beschrieben wird der kurze Abschnitt aus dem Leben eines Menschen, der einen deutlichen Wendepunkt erfährt. Es sind verhältnismäßig wenig Personen vorhanden, die Zahl der Hauptpersonen beschränkt sich auf Känsterle und seine Frau. Das Ende ist offen, und der Anfang unvermittelt und plötzlich. Die Perspektive des Lesers wirkt wie die eines Zuschau-ers. Ein auktorialer wechselt mit einem neutralen Erzähler, die Geschichte wird von außen reflektiert und durch die trostlosen Umgebungsaspekte, die beschrieben werden, entsteht eine gewisse Präsenz („Eine verstaubte Glühbirne wirft trübes Licht.“ . Die Zustände werden be-sonders objektiv klar, da kein eigener Standpunkt einer Hauptperson die Tatsachen persönlich einfärbt. Auch die fast reine Dialogform des Anfangs unterstützt diesen Effekt. Nichtsdesto-trotz fühlt sich der Leser persönlich betroffen, was sich vielleicht sogar ganzbesonders auf die nüchterne und rationale Erzählweise zurückführen lässt. Die Hauptfiguren werden außer ihres Verhältnisses zueinander nicht weiter charakterisiert. Sie wirken wie Schablonenfiguren. Die beschriebenen Zustände und Verhaltensweisen des Ehepaares Känsterle lassen sich sehr gut durch die Theorien des Psychologen, Therapheuten und Wissenschaftlers Watzlawick erklä-ren. Nach Watzlawick gibt es in jeder Handlung einen Inhaltsaspekt und einen Beziehungsas-pekt, die er digital und analog nennt. Auf der sachlichen Ebene werden reine Informationen wiedergegeben, auf der Beziehungsebene werden diese dann mit den zwischenmenschlichen Inhalten und der persönlichen Absicht angefüllt, die von der Beziehung der Kommunizieren-den abhängen. Im Falle des Ehepaares handelt es sich um eine sogenannte "ungesunde" Be-ziehung. Das Problem der beiden liegt in dem Punkt, dass die beiden auf verschiedenen Ebe-nen kommunizieren, jedoch eine gemeinsame, in der das "Übersetzen" und "Rückübersetzen" der Aussagen funktioniert, die Basis für eine funktionierende Partnerschaft wäre. Känsterle fasst jeden Satz seiner Frau so auf, dass er durch Erwartungen und Kritik angegriffen wird. In vielen Fällen mag das stimmen, aber nicht immer. Viele Informationen seiner Frau ("Es ist kalt draußen"..."ich habe heute im Konsum seine Frau getroffen.") sind wirklich rein digital und ohne weiteren Hintergrund dahergesagt, wohingegen andere ("Niemand im Haus hat so schäbige Winterfenster wie wir! Ich ärgere mich jedesmal wenn ich die Winterfenster putze!") eindeutige Kritik und verfehlte Erwartungen ausdrücken. Er kann dies nicht mehr unterschei-den. Känsterles Frau ist mit ihrem Mann nicht zufrieden und akzeptiert ihn nicht so, wie er ist. Er umgekehrt fühlt sich von ihren Erwartungen überfordert und hat nicht die geringste Moti-vation, ihnen gerecht werden zu wollen. Seine Reaktionen nun werden von Rosa als rein digi-tal aufgefasst, obwohl sie eindeutig viele analoge Aspekte enthalten. "Ja, ja" und "Gleich, gleich", ebenso wie das ausschalten des Fernsehers, sind eindeutige Anzeichen für die Über-forderung die er durch seine Frau erfährt und ein stiller Hilfeschrei nach Verständnis, Akzep-tanz und Ruhe. Seine Frau versteht die versteckten Botschaften nicht, oder will sie nicht wahrnehmen. Aus dem gegenseitigem Missverständnis resultiert eine katastrophale Situation - in Känsterle stauen sich immer mehr Aggressionen an und seine Frau ist nicht in der Lage dieses zu realisieren, da sie viel zu sehr mit ihrer eigenen Unzufriedenheit beschäftigt ist. Die beiden leben in einer komplementären Beziehung, in der sie die superiore Position, was auch speziell an ihren vielen Imperativen in den Dialogen klar wird („Mach den Ton leiser!“, und er die inferiore Position einnimmt. Während Känsterles kurzer Rebellion werden diese Rollen vorrübergehend getauscht, aber verfallen sofort danach in den Ausgangszustand zurück. Das Ganze ist ein Teufelskreis, Ursache und Wirkung sind nicht mehr voneinander zu unterschei-den.Eine Lösung für das Eheproblem könnte nach Watzlawick in der Meta-Kommunikation zu finden sein. Dabei wird das Problem "von oben"betrachtet. Die Meta-Ebene ist eine höhere Ebene der Kommunikation, bei der auf die eigenen Position verzichtet wird, der andere zu verstehen versucht wird, und das Problem objektiv betrachtet wird, um gemeinsam Lösung und Ursache der Problemsituation zu finden.Känsterle müsste seiner Frau erklären, wie ver-letzt er durch ihre Inakzeptanz ist und dass er mit sich zufrieden ist, wie er ist, und sich für niemanden verbiegen müssen will. Seine Frau auf der anderen Seite müsste auch über ihre Unzufriedenheit sprechen, dass seine Teilnahmslosigkeit sie stört und sie sich durch das ver-meintliche Desinteresse seinerseits ebenso verletzt fühlt, wie er. Genauso, dass es für sie wichtig ist, etwas nach außen darzustellen, und dass im Grunde genommen ihr Problem dabei liegt und nicht am grundsätzlichen Charakter ihres Mannes, der natürlich in diesem Zusam-menhang nicht besonders förderlich ist.Alles in allem lässt sich allerdings sagen, dass realis-tisch betrachtet das Paar durch ihre mittlerweile grundsätzliche verschiedenen Ansprüche und Bedürfnisse in einer Partnerschaft nicht länger eine gemeinsamem Perspektive teilen.Eine Trennung wäre wohl die beste Lösung für beide Parteien. Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.

18.10.05 15:21


18.10.05 15:06


Kurzgeschichte Brambach / Känsterle

Rainer Brambach  /  Känsterle  (e1972) fficeffice" />


(*1917)


 


 


Wallfried Känsterle, der  einfache Schlosser, sitzt nach Feierabend vor dem Fernsehschirm.  Wo denn sonst?  -  Tagesschau, Wetterkarte; die Meisterschaft der Gewichtheber interessiert Känsterle.


„Mach den Ton leiser, die Buben schlafen!“ ruft Rosa, die in der Küche Geschirr gespült hat und nun hereinkommt.


Känsterle gehorcht.


„Es ist kalt draußen“, plaudert sie, „wie gut, daß wir Winterfenster haben.  Nur frisch anstreichen sollte man sie wieder einmal.  Wallfried, im Frühjahr mußt du unbedingt die Winterfenster streichen.  Und kitten muß man sie!  Überall bröckelt der Kitt.  Niemand im Haus hat so schäbige Winterfenster wie wir!  Ich ärgere mich jedesmal, wenn ich die Winterfenster putze.  Hast du gehört?“


„Ja, ja“,  sagt Känsterle abwesend.


„Was macht denn der da?“ fragt Rosa und deutet auf den Fernsehschrim.  „Der könnte seine Kraft auch für was Besseres gebrauchen!  Stell das doch ab, ich hab mit dir zu reden!“


„Gleich, gleich!“  sagt Känsterle und beugt sich etwas näher zum Schirm.


„Herr Hansmann im Parterre hat im letzten Sommer seine Winterfenster neu gekittet und gestrichen, obwohl es gar nicht nötig war.  Nimm dir mal ein Beispiel an Herrn Hansmann!  Seine ganzen Ferien hat er drangegeben.  So ein ordentlicher Mann...  Übermorgen ist Sankt Nikolaus.  Erinnerst du dich an Herrn Weckhammer?  Ich hab heut im Konsum seine Frau getroffen, ganz in Schwarz.  Der alte Weckhammer ist umgefallen, beim Treppensteigen, Herzschlag.“


Känsterle drückt auf die Taste „Aus“.


„Ein Trost“,  fängt Rosa wieder an, „daß die Weckhammerschen Kinder aus dem Gröbsten raus sind.  Die Witwe fragt, ob wir den Nikolaus gebrauchen können.  Eine Kutte mit Kaninchenfell am Kragen, schöner weißet Bart, Stiefel, Sack und Krummstab, alles gut erhalten.  Nur vierzig Mark will sie dafür, hat sie gesagt.  Mein Mann wird kommen und ihn holen, hab ich da gesagt.  Nicht wahr, Wallfried, du wirst Paul und Konradle die Freude machen?“


Känsterle schaut auf die matte Scheibe.


„Wallfried!“  ruft Rosa.


„Aber Rosa“,  murmelt Känsterle hilflos, „du weißt doch, daß ich nicht zu so was tauge.  Was soll ich denn den Buben sagen?  Ein Nikolaus muß ein geübter Redner sein!  Muß gut und viel sprechen...“


Rosa glättet mit der Hand das Tischtuch und schüttelt den Kopf, wobei der Haarknoten, trotz des Kamms, der ihn wie ein braunes Gebiß festhält, eigensinnig wackelt.


„Vermaledeiter Stockfisch!“  zischt sie.  „Nicht einmal den eignen Buben willst du diese Freude machen!  Dabei hab ich schon im Konsum Nüsse, Datteln, Feigen, ein paar Apfelsinen und alles eingekauft!“


Känsterles Gemüt verdüstert sich.  Er denkt an das schwere, ihm aufgezwungene Amt.


 


Eine verstaubte Glühbirne wirft trübes Licht.  Känsterle steht auf dem Dachboden;  er wandelt sich zögernd in einen Weihnachtsmann.  Die Kutte, die den Hundertkilomann Weckhammer einst so prächtig gekleidet hat, ist dem gedrungenen Känsterle viel zu geräumig.  Er klebt den Bart an die Ohren.  Sein Blick streift die Stiefel, und dabei versucht er sich an die Füße Weckhammers zu erinnern.  Er zerknüllt ein paar Zeitungen und stopft sie in die steinharten Bottiche.  Obwohl er zwei Paar grobwollene Socken anhat, findet er noch immer keinen rechten Halt.  Er zieht die Kapuze über den Kopf, schwingt den vollen Sack über die Schulter und ergreift den Krummstab.


Der Abstieg beginnt.  Langsam rutscht ihm die Kapuze über Stirn und Augen;  der Bart verschiebt sich nach oben und kitzelt seine Nase.  Känsterle sucht mit dem linken Fuß die nächste Treppenstufe und tritt auf den Kuttensaum.  Er beugt den Oberkörper vor und will den rechten Fuß vorsetzen;  dabei rollt der schwere Sack von der Schulter nach vorn, Mann und Sack rumpeln in die Tiefe.


 


Ein dumpfer Schlag.


In Känsterles Ohren trillert´s.


Ein Gipsfladen fällt von der Wand.


„Oh!  Jetzt hat sicher der Nikolaus angeklopft!“  tönt Rosas Stimme hinter der Tür.  Sie öffnet und sagt:  „Mein Gott... was machst du denn da am Boden?  Zieh den Bart zurecht, die Kinder kommen!“


Känsterle zieht sich am Treppengeländer hoch, steht unsicher da.  Dann holt er aus und vesetzt Rosa eine Backpfeife.  Rosa heult auf, taumelt zurück;  Känsterle stampft ins Wohnzimmer, reißt Rosas Lieblingsstück, einen Porzellanpfauen, von der Kommode und schlägt ihm an der Kante den Kopf ab.  Dann packt er den Geschirrschrank;  er schüttelt ihn, bis die Scherben aus den Fächern hageln.  Dann fliegt der Gummibaum samt Topf durch ein Fenster und ein Winterfenster;  auf der Straße knallt es.


„Er schlachtet die Buben ab!“  kreischt Rosa durchs Treppenhaus.  Auf den Stockwerken öffnen sich Türen.  Ein wildes Gerenne nach oben.  Man versammelt sich um Rosa, die verdattert an der Wand steht  und in die offene Wohnung zeigt.  Als erster wagt sich Herr Hansmann in die Stube, betrachtet die Zerstörungen;  ein Glitzern kommt in seine Augen, und er sagt:


„Mein lieber Känsterle, ist das alles?“


Elend hockt der Weihnachtsmann im Sessel, während Paul und Konradle unter dem Sofa hervorkriechen.


 


Ein kalter Wind zieht durch die Stube.


 

18.10.05 13:20


18.10.05 12:56





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